Die Crux mit dem Schreiben und der Handschrift: Die Mehrheit der deutschen Schüler kann nicht mehr richtig mit der Hand schreiben, darunter mehr als die Hälfte der Jungen und ein Drittel der Mädchen. Dabei sind nicht bloß die Leserlichkeit und der Schreibfluss mangelhaft, sondern auch das motorische Durchhaltevermögen.

 

Laut einer Studie, die der Deutsche Lehrerverband gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut Heroldsberg durchgeführt hat, können nicht einmal 40% der Schüler eine halbe Stunde lang ohne Beschwerden schreiben.

 

Ob diese Entwicklung ein Problem darstellt oder bloß die logische Konsequenz aus der anhaltenden Digitalisierung ist, spaltet die Gemüter. Schließlich hat Pisa-Sieger Finnland die Schreibschrift mit der Begründung abgeschafft, dass sie nicht mehr unserer Lebensrealität entspreche und das Tippen auf einem PC alltagstauglicher sei.

 

Und tatsächlich: Hierzulande interessieren sich laut Umfrage etwa 69% der Jugendlichen nicht mehr für das handschriftliche Schreiben und „betouchen“ stattdessen lieber Notebooks, Tablets oder Smartphones.

 

Eine traditionelle Schreibschrift, die separat erlernt wird, ist aus ihrer Sicht wahrscheinlich nicht mehr nötig. Dabei ist sie ein wichtiges Additiv zum monotonen Tippen auf einer Tastatur und aktiviert verschiedene Hirnregionen, die für Denken, Sprache und den Arbeitsspeicher zuständig sind.

 

Kurzum: Schreiben und Handschrift formen Persönlichkeit. Fürwahr gute Gründe, mit der Hand zu schreiben.

 

Die Schreibschrift als Relikt vergangener Tage

 

Die Schülergenerationen, die heute längst erwachsen sind, haben früher erst Schreiben und dann Lesen gelernt. So wurde damals zunächst Buchstabe um Buchstabe erlernt – erst in der

 

 

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Schreibschrift und anschließend in der Druckschrift.

Komplette Wörter und Sätze wurden erst danach gebildet. Dieser Prozess findet heute gleichzeitig statt, und zwar mithilfe der Druckschrift. Erst wenn die Schüler die Druckschrift und das Lesen beherrschen, widmen sie sich der Schreibschrift.

Oftmals kehren Schüler nach dem Erlernen der Schreibschrift zur Druckschrift zurück. Selbst Erwachsene setzen öfter den Stift ab, als es nötig wäre. Aus diesem Grund wird die Schreibschrift bereits heute oft nicht mehr gelehrt und durch eine sogenannte Grundschrift ersetzt.

 

Diese besteht aus Druckbuchstaben, die untereinander verbunden werden können. So lernen die Schüler zwar nach wie vor die Druckschrift, werden aber gleichzeitig dazu ermutigt, sie zu einem gemeinsamen Schreibfluss zu verbinden.

 

Schreiben und Handschrift wichtig für kognitive Entwicklung

 

Allianz für die Handschrift – so heißt der Verein, den die Grundschulpädagogin Ute Andresen gegründet hat, um dem Verfall der Handschrift entgegenzuwirken. Ob Kinder mit der Hand schreiben können, ist nämlich keinesfalls gleichgültig.

 

Josef Kraus, seines Zeichens Präsident des deutschen Lehrerverbandes, sagte der ZEIT: „Wer gut und versiert schreibt, prägt sich Geschriebenes besser und konzentrierter ein, er ist intensiver bei der Sache, er schreibt bewusster, setzt sich intensiver mit dem Inhalt und dem Gehalt des Geschriebenen auseinander.“

 

In der Tat belegen zahlreiche Studien, dass handschriftliche Notizen das Lernen drastisch erleichtern. Dieser Meinung ist auch Prof. Guido Nottbusch, Sprachdidaktiker an der Universität Potsdam. Er sagt: Das motorische

 

Gedächtnis ist stabiler als das visuelle. Außerdem erfordere das Schreiben von Hand tieferes Nachdenken. So tendieren Studenten, die ihre Notizen mit dem Notebook festhalten, beispielsweise zum Copypasten, statt zu paraphrasieren. Eine  flüssige Handschrift regt hingegen die Kreativität an und steht für einen geschickteren Umgang mit der Sprache.

In der Umfrage beklagen vor allem Grundschullehrer, dass ihren Schülern die motorischen Fähigkeiten fehlen, um eine wirklich gute und leserliche Handschrift zu entwickeln. Der Wunsch nach häufigeren Fortbildungen und luftigeren Stundenplänen ist groß und könnte dabei helfen, den Kindern die Begeisterung für die Handschrift zu vermitteln.

 

Dieses Vorgehen schließt die digitalen Welten und deren Gebrauch nicht aus. Es ist vielmehr ein leidenschaftliches Plädoyer für eine friedliche Koexistenz von Digitalrealität mit der nicht minder realen Analogwelt. Insbesondere dort, wo Analogkultur für humane Wurzelbildung unabdingbar ist.

 

Auf die Lehre der Schreibschrift zu verzichten, hätte fatale Folgen für die Entwicklung der Schüler und - über die Generationenabfolge gedacht - auch für die Gesellschaft.

 

Die „Sucht nach Papier“ und damit zugleich auch nach Schreiben, Lesen und Bedrucktem ist eine Sehn-Sucht, ein multisensorisches Urverlangen, das durch die ökonomische Bewirtschaftung von Schülergenerationen und ihrer Lehrpläne zum Distinktionsmerkmal erhoben wird.

 

Auf diese Weise avancieren Printobjekte wie Bücher, Magazine, Kalender und Notizbücher zu Fixpunkten und Statussymbolen in der digitalen Unendlichkeiten der Cloud, deren Sicherheitsrisiko für mehr als 60% deutscher Firmen nicht kalkulierbar ist.

 

Autorin: Sabine Wegner

 

 

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