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In der kommenden Nacht wird uns eine Sekunde geschenkt. So folgt auf 01:59:59 Uhr zunächst 01:59:60 Uhr, bevor die Zeiger auf 02:00:00 Uhr umspringen. Doch was hat es mit der zusätzlichen Sekunde auf sich?

 

Ganz einfach: Bliebe die Korrektur aus, ginge die Sonne in einigen 1000 Jahren mittags auf – zumindest nach unserer Zeitrechnung. Das liegt daran, dass die Erde für eine Drehung um die eigene Achse etwa eine tausendstel Sekunde länger braucht als die 24 Stunden, die eigentlich die Dauer unseres Tages vorgeben.

 

Um den zukünftig verspäteten Sonnenaufgang zu vermeiden, spendiert der International Earth Rotation and Reference Systems Service ab und an eine zusätzliche Sekunde.

 

Die Organisation beobachtet die Rotationsdauer der Erde permanent und hatte bereits in den Jahren 2005, 2008 und 2012 Schaltsekunden veranlasst. In der kommenden Nacht soll nun eine weitere Anpassung stattfinden und was für einen Kalender aus Papier reine Formsache ist, könnte so manches IT-System Kopf und Kragen kosten.

 

Schaltsekunde verursacht Probleme in der digitalen Welt

 

So stellte die letzte Zeitanpassung im Jahr 2012 einige Internetdienste vor große Probleme, da viele Server auf die genaue Uhrzeit angewiesen sind. Vor allem Dienste wie Reddit, LinkedIn, Yelp und Mozilla stolperten über die zusätzliche Sekunde und waren teilweise stundenlang nicht erreichbar.

 

Die größten Folgen hatte die Korrektur allerdings für die spanische Firma Amadeus, die

Reisedaten verarbeitet. Einige Fluglinien mussten ihre Passagiere aufgrund der Datenprobleme von Hand einchecken, so dass es zu stundenlangen Verspätungen kam. Die genannten Fehler ließen sich vor allem auf das Betriebssystem Linux zurückführen, sodass sich sogar Linux-Vordenker Linus Torvalds zu dem Vorfall äußerte: „Fast immer, wenn es eine Schaltsekunde gibt, finden wir irgendwas. Das ist wirklich ärgerlich“.

 

Auch dieses Jahr bedroht die Schaltsekunde Computersysteme und die Auswirkungen der kommenden Nacht bleiben bislang fraglich.

 

Zeitanpassung stößt nicht überall auf Gegenliebe

 

Wegen der technischen Probleme ist die zusätzliche Sekunde intern hoch umstritten. So plädieren die USA oder Frankreich für die Abschaffung der Korrektur und fordern stattdessen, dass man mit der Abweichung lebe. Gegen eine Abschaffung stimmen indes vor allem Großbritannien und Russland. Dafür gibt es aus astronomischer Perspektive durchaus gute Gründe, denn wenn die Zeit nicht mehr an die Rotation der Erde gekoppelt ist, könnte dies für Probleme bei der Berechnung astronomischer Daten sorgen.

 

Eine Möglichkeit zur Umgehung der Schaltsekunde wäre die Änderung der Definition einer Sekunde. Diese definiert sich über die Schwingungsdauer einer bestimmten Strahlung von Cäsium-133-Atomen. Genauer gesagt: Eine Sekunde ist das 9192631770-fache einer Periodendauer dieser Strahlung. Die minimale Erhöhung des Faktors würde die Dauer einer Sekunde verlängern und die gelegentliche Schaltsekunde überflüssig machen.

 

 

Laut Vincent Mees von der französischen Weltraumagentur Centre national d’études spatiales würde uns diese Anpassung aber mit ganz neuen und weiter reichenden Problemen konfrontieren. So müsse man beispielsweise alle von der Definition abhängigen Konstanten in der Physik anpassen und unzählige Berechnungen unterlägen dadurch einer Änderung.

 

Kalender aus Papier bleiben unberührt

 

Für einen Kalender aus Papier bedeutet die zusätzliche Sekunde keine Schwierigkeiten. Fernab aller Nullen und Einsen zeigt er uns die Tage und Stunden, lässt uns Termine verwalten, Unnötiges durchstreichen und Gedanken festhalten – gerne auch eine Sekunde länger. Algorithmen sind ihm fremd und was einem Server Kopfzerbrechen bereitet, lässt den Kalender unberührt.

 

Das Berühren überlässt er lieber seinen Besitzern und verwöhnt sie mit hochwertigem Papier, dem Rascheln der Seiten und einem stilvollen Einband. Ihm gelingt, was seine fragilen digitalen Mitstreiter oftmals nicht schaffen: Er lässt uns die abstrakte vierte Dimension begreifen und gibt uns das Gefühl, die Zeit gänzlich in der Hand zu haben.

 

Kalender sind uns ständige Wegbegleiter und funktionieren ohne Akkulaufzeiten, Berechnungsfehler und Abweichungen der Erdrotation. Server, technische Probleme und Internetdienste sind ihm fremd, doch er gibt unseren Terminen ein haptisches Zuhause – und zwar schon beinahe so lange, wie die Erde sich dreht.

 

Autorin: Sabine Wegner

 

 

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