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Wir sind von einer ständigen Informationsflut umgeben. Facebook-Posts, Twitter-Feeds und E-Mails regulieren unseren Alltag, während wir kaum hinterherkommen. Ein handgeschriebener Brief ist hingegen nicht nur etwas sehr Sinnliches, sondern bietet auch einen weiteren entscheidenden Aspekt: Er bleibt für die Nachwelt erhalten.

 

Die deutsche Literatur ohne Franz Kafkas Briefe an seine Milena Undenkbar! Ein unschätzbarer Reichtum hätte sich in Schall und Rauch aufgelöst, hätte Kafka sich nicht beinahe täglich an seinen Schreibtisch gesetzt, Feder und Tinte bemüht und zahllose Briefe geschrieben, die auch heute noch ihre Leser finden.

 

Während wir unsere virtuellen Postfächer nämlich regelmäßig aufräumen, alte Nachrichten in den Papierkorb verschieben und Daten für Daten ins Jenseits befördern, lassen wir einem persönlichen Brief besondere Sorgfalt widerfahren. Vielleicht besitzen wir sogar einen eigenen Karton für unseren analogen Schriftverkehr, damit wir ab und zu in Erinnerungen schwelgen können.

 

Seine Blütezeit hatte der handgeschriebene Brief im 18. und 19. Jahrhundert. Der Brief bot damals nicht nur die schnellste Kommunikationsmöglichkeit über weite Entfernungen, sondern auch die einzige. Das Zeitalter des Internets lag damals noch in weiter Ferne, selbst das Telefon gab es noch nicht. Darüber hinaus diente ein Briefwechsel aber nicht nur dem  Austausch,

 

sondern markierte eine eigene literarische Gattung.

 

Zwischen den Informationsfluten

 

So genießen prominente Briefwechsel auch heute noch den Ruf einer besonderen Authentizität, werden in Sammelbänden zusammengefasst und gerne gelesen. Mit Posts, E-Mails und Tweets verhält es sich komplett anders. Einmal gepostet, geraten sie meist schnell in Vergessenheit und man mag beinahe von Belanglosigkeit sprechen.

 

Tatsächlich ist nicht nur die Belanglosigkeit vieler Postings ein Problem, sondern vor allem auch die mediale Überforderung der Internetnutzer.

 

Wer kennt es nicht: Man speichert Lesezeichen um Lesezeichen, stets mit dem Vermerk „Das lese ich später noch“. Schaut man das angehäufte Sammelsurium einige Wochen später durch, lässt die Ausbeute oft zu wünschen übrig.

 

Entweder sind die gespeicherten Links längst nicht mehr aktuell oder gar wieder entfernt worden. Meist ist das Problem aber ein anderes: Es prasseln jeden Tag so viele neue Links, Texte und Tweets auf uns ein, dass wir nicht mehr im Stande sind, Schritt zu halten. Es hat also durchaus auch Vorteile, wenn man nicht immer und zu jeder Zeit kommunizieren kann.

 

Die Handschrift ist Teil unserer Identität

 

Verteufeln sollte man die moderne Technik selbstverständlich nicht.

Vielen Menschen eröffnet der Computer Möglichkeiten, die ihnen sonst für immer verborgen bleiben würden. Manch ein User mag sogar erst durch das Internet ans Lesen geraten. Nichtsdestotrotz sollten die Inhalte gefiltert werden.

 

Außerdem lauert die Gefahr der Profanierung. So dient ein Brief, für den wir uns in aller Ruhe an den Schreibtisch setzen oder wie weiland Theodor Fontane unseren Notizbüchern gar Stichworte anvertrauen, nicht nur der reinen Kommunikation. Er lässt uns auch innehalten, unsere Gedanken sortieren und reflektieren. Eine On-the-fly-Kommunikation, wie sie durch Facebook und Twitter Einzug erhalten hat, verkürzt die Spanne zwischen Gedanke, Reflektion und Kommunikation um ein Vielfaches.

 

Letztendlich ergibt es keinen Sinn, das handschriftliche Verfassen eines Briefes und das Tippen einer E-Mail gegeneinander auszuspielen. Die moderne Kommunikation öffnet uns Türen und Tore, die wir nicht mehr geschlossen sehen möchten.

 

Wir sollten uns aber gelegentlich an Franz Kafka erinnern und unserer Handschrift gedenken. Ob in Briefen, Notizbüchern oder Kalendern: schlussendlich ist sie ein Bestandteil unserer Identität, die kein Computer oder Touchscreen der Welt ersetzen kann.

 

Autorin: Sabine Wegner

 

 

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